FYT Retreat Review: Yoga & Achtsamkeit im Kloster Seeon im Chiemgau

20. November 2016

Yoga im Kloster, der November & ich. Klingt nach der perfekten Auszeit! Also habe ich es gewagt & 4 achtsame Tage im Kloster Seeon verbracht.

Der November darf das. Er darf trüb und regnerisch sein. Die letzten Oktober-Tage dürfen das auch. Es soll so sein, denke ich mir und tauche mit meinem verwirrten Navi in den Nebel ein, der sich gerade feierlich auf einer Landstraße am Chiemsee-Ufer einfindet. Wäre im Leben alles immer nur Sonnenschein würde ich mich niemals der Ruhe zuwenden und schon gar nicht würde ich mich vier Tage hinter Klostermauern verschanzen.

So kommt es mir ziemlich gelegen, dass bei Wainando gerade ein Yoga- und Achtsamkeitsretreat auf dem Programm steht. Perfekt. Ich entkomme Halloween und habe auch zu Allerheiligen etwas Sinnvolles zu tun. Ich habe schon einige Yoga- und spirituelle Reisen unternommen und doch habe ich noch nie in einem Kloster übernachtet. Es wird höchste Zeit!

Die Benediktiner-Mönche hatten ein Händchen für besondere Kraftplätze, denn das Kloster Seeon thront stolz auf einer Halbinsel im Klostersee. An der Rezeption checke ich ein wie im Hotel und bekomme auch gleich ungefragt den WIFI-Code in die Hand gedrückt. Fast möchte ich widerstehen, hatte ich mich doch schon auf eine digitale Auszeit eingestellt. Aber was soll’s, ich nehm’ den Code vorsorglich einfach mal mit!

Ich verlaufe mich in langen Endlosgängen, bevor ich den Weg zu meiner Klosterzelle finde. Nun ja, eigentlich ist es eher die Junior Suite unter den Klosterzimmern, von wegen karg und klein. Ich freue mich über viel Platz und die hohe Decke, die dem Raum ein luftiges, offenes Flair geben. Vom Fenster blicke ich direkt auf den See und spüre sofort die Ruhe, die sich in mir breit macht. Die Einrichtung folgt minimalistischen Zen-Prinzipien. Es ist alles da, was der moderne Mensch braucht, um sich wohl zu fühlen. Gleichzeitig ist nichts Überflüssiges zu finden, das man einfach mal so weglassen könnte.

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Auf zur ersten Achtsamkeitseinheit! Ich bin die letzte, die im Musiksaal ankommt, denn ich habe die Dimensionen des Klosters unterschätzt und zu wenig Zeit für den Weg einberechnet. Kerzen und Blumen in der Mitte lassen den mit großen Fenstern und opulenten Stuckdecken ausgestatteten Raum heimelig wirken. Marianne Vogt, unsere Yoga- und Achtsamkeitslehrerin, erzählt ein bisschen von sich und was sie an diesem Wochenende mit uns vor hat. Ihre Wurzeln lassen sich an ihrem badischen Dialekt (der für Nicht-Insider wie schwäbisch klingt) mehr als nur erahnen. Ich muss etwas darüber schmunzeln und mich gleichzeitig sehr konzentrieren. Die erste Achtsamkeitsübung für die einzige Österreicherin in der Runde. Die Gruppe könnte unterschiedlicher nicht sein. Die Teilnehmer kommen aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands. Eine dreiköpfige Familie ist aus der Schweiz angereist. Auch Michaela, eine der beiden Wainando-Gründerinnen, ist beim Retreat persönlich mit dabei. Wir stellen uns der Reihe nach vor und erzählen, was wir uns von diesem Wochenende erwarten. Unsere einzige Gemeinsamkeit scheint es zu sein, uns aus den unterschiedlichsten Gründen dem Wesentlichen zuzuwenden.

Unter einfühlsamer Anleitung atmen wir uns auf einen gemeinsamen Level. Schon jetzt habe ich Marianne vollkommen ins Herz geschlossen. Man trifft sie einfach viel zu selten – Menschen, die sich nicht verstellen, herrlich bodenständig und authentisch sind. Ein paar Yogaübungen, aber vor allem viel Entspannung sowie diverse Achtsamkeitstechniken sind angesagt. Die Zeit vergeht wie im Flug. Wie gut, dass uns anschließend schon das Abendessen im Klosterstüberl erwartet. Auch ohne anwesende Mönchsgemeinschaft hat man die alten Klostertraditionen noch nicht ganz abgeschüttelt und präsentiert ein Buffet, das den Spagat zwischen deftiger Hausmannskost und veganen Gerichten auf sich nimmt. Da das Bier einst von den Mönchen erfunden wurde, um die Fastenzeit zu überstehen, zeigen erlesene Hopfengetränke ebenso Präsenz wie edle Weine. Ob ich mir einen Rotwein genehmigen soll? Warum eigentlich nicht. Der Wifi-Code ist ja schließlich auch noch in meiner Tasche. Man sollte nicht allzu streng mit sich sein.

Meine erste Nacht im Kloster ist himmlisch. Durch und durch ruhevoll. Es geht eben nichts über extradicke Wände. Der Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen kann sich sehen lassen: Mystische Nebelschwaden hängen über dem See, Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch goldgelbe Herbstblätter. Dieses Mal mache ich mich früher auf den Weg, um rechtzeitig im Musikzimmer anzukommen. Wir dehnen und strecken uns, wir atmen und halten inne. Sitzend oder liegend und mit geschlossenen Augen lauschen wir Mariannes Geschichten. Die Geschichte vom Bauern, der sich bei jedem schönen Erlebnis eine Glücksbohne in die Tasche steckt. Die Geschichte vom Indianer und den beiden Wölfen im Herzen. Geschichten, die man vielleicht kennt und trotzdem immer wieder gerne hört.

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Nach unserer Morgensession nutze ich die Gelegenheit, um durch ein bestimmt jahrhundertealtes Tor hinaus in die Natur zu gehen. Kies, der unter meinen Sohlen knirscht. Der beschauliche Holzsteg, der in den See ragt. Das warme Licht, das die Seele erfreut. Ich bin begeistert von dieser traumhaften November-Stimmung! Nach dem Frühstück mit allerlei Verlockungen ruft die nächste Achtsamkeitsstunde. Nicht nur die Inhalte von Mariannes Stunden haben meditativen Charakter, auch die geregelten Abläufe bringen den Geist in einen angenehmen Ruhezustand. Irgendwann sieht man sich nur mehr achtsamen Schrittes zwischen endlosen Klostergängen umherwandeln – vom Zimmer zum Musiksaal, vom Musiksaal zum Frühstück, vom Frühstück ins Zimmer, vom Zimmer hinaus in die Natur. Weniger denken, mehr fühlen. Marianne hat ihr gesamtes Repertoire im Gepäck, um unsere Sinne anzusprechen: Wir führen uns mit geschlossenen Augen paarweise auf der Klosterwiese umher, erfühlen Baumrinden, Blätter und Holzbänke. Wir machen schweigende Spaziergänge unter dem Himmel, der so blau ist wie die idyllische Seenlandschaft rund um das Kloster. Und wir geben uns auf Mariannes Einladung dem Versuch hin, beim Frühstück achtsam zu kauen statt uns in Small-Talk zu verlieren.

An den nächsten Abenden unterhalten wir uns dann so prächtig, als wären beste Freunde für ein Treffen im Kloster zusammengekommen. Achtsamkeit und dazu ein gut gefülltes Glas Wein – das alles fördert das Gruppengefühl fernab vom Alltäglichen! Ich genieße allabendlich die wohlige Müdigkeit, die mich viel früher als in den eigenen vier Wänden, das Bett aufsuchen lässt. Wie angenehm ruhig das Leben sein kann, wenn man seine To-Do-Listen zu Hause lässt!

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Man könnte sich gewöhnen. An die Stille, die hinter den weitläufigen Klosterwänden herrscht. An die Natur, die da draußen ganz langsam in den Winterschlaf gleitet. Und an die tägliche Dosis Achtsamkeit. Doch Marianne ruft zum Abschied auf. Alle Teilnehmer erzählen, was sie nach diesen Tagen „mitnehmen“ und was sie „loslassen“. Es wird emotional und wir sind ein bisschen wehmütig, dass die 4 gemeinsamen Tage hinter Klostermauern schon vorbei sind.

Ich bemerke, dass ich mich langsamer als sonst bewege. Vielleicht denke und spreche ich auch langsamer. Mein ständiger Konflikt mit der Zeit scheint ein Ende gefunden zu haben – für mich der schönste Retreat-Effekt! Ich nehme mir vor, das Zeitlupentempo, mit dem ich meine Tasche nach unten trage und ins Auto packe, so lange wie möglich beizubehalten. Ich fahre langsam. Ich habe keine Eile. Der Chiemsee glitzert wunderschön in der Mittagssonne. Ich fahre vorbei und halte schließlich doch noch an. Für ein paar Fotos, für einen kurzen Spaziergang am Ufer entlang. Weil es Momente wie diese sind, denen man mit Achtsamkeit begegnen sollte…

Adressen & Kontakte

 

Hinweis: Danke an Wainando & das Kloster Seeon für die Einladung zu dieser Recherchereise.  Dieser Blogpost gibt ausnahmslos meine persönlichen Eindrücke, Erlebnisse und ehrlichen Meinungen wider. 

 

2 Comments

  • Reply Sophie G 22. Juni 2017 at 16:40

    Oh das sieht aber wunderschön aus! Ich habe noch nie selber Yoga gemacht, aber dein Blog inspiriert mich echt sehr es auszuprobieren! Hast du vielleicht gute Tipps für einen totalen Anfänger? Zusätzlich habe ich nun auch auch Fernweh bekommen, muss schnell wieder irgendwohin reisen! Einfach Hotel und Flüge buchen und los! Danke und liebe Grüße! Sophie

    • Reply Jeanette 24. Juni 2017 at 15:40

      Das freut mich, liebe Sophie! Ich mache im November selbst ein Retreat im Kloster Seeon, buchbar über Wainando – das ist auch für Anfänger geeignet!
      Und für das Fernweh: Ich bin sicher, du findest ein paar Inspirationen auf Follow Your Trolley für dich!

      Happy Travels, Jeanette

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