Sardinien im August? Ein geglücktes Experiment. Urlaub im B&B Locanda Murales

25. September 2012

Locanda Murales Agroturismo Sardinien

Nichts spricht gegen Flashpacking auf Sardinien. Außer eines: der Monat August. Ein Selbstversuch zwischen Jetset und Pauschalreise.

Eine goldene Flashpacker-Regel besagt: Suche niemals beliebte Pauschalreisedestinationen zur Hauptsaison auf! Doch was tun, wenn sich der heimliche Traum der Azoren nur mit einem Flug über drei Ecken realisieren lässt und das Zeit- und Urlaubsbudget einer halben Weltreise verschluckt? Da wäre ja schließlich auch noch der Direktflug auf das beliebte Jetsetter-Inselchen im Mittelmeer, der seit Tagen konstant unter der verlockenden 200-Euro-Marke kursiert. In weniger als 1,5 Stunden wäre man da. Verlockend genug, um festgeschraubte Flashpacker-Regeln über Board zu werfen und ein Experiment der etwas anderen Art zu wagen.

Es ist August. Man denkt an Ferragosto, an eine mit Familienclans übersäte Costa Smeralda, an Kühltaschen und Sonnenschirme. Wo könnte man überhaupt wohnen, wenn nicht in überteuerten Hotelzimmern, die durch den Qualitätsrost italienischer Sippen gefallen sind und nun via Google Ads an die Oberfläche des WWW gespült werden, um doch noch unter die Haube verzweifelter Last-Minute-Touristen zu kommen? Doch der versierte Flashpacker gräbt tiefer: Charming Sardinia und Travel Slow, Stay Chic spucken allerlei Erlesenes aus. Und dann irgendwann, der Wink des Schicksals namens “Locanda Murales“. Ein reizendes B&B, nur zehn Minuten von Olbia entfernt. Ein Weingut gehört zum Anwesen, so liest man. Auf Fotos entdeckt man neben Zimmern mit Terrakotta-lasierten Wänden – über die italienische Angewohnheit, die das Gefühl mediterranen Landhausstils überstrapaziert, lässt sich elegant hinwegsehen – eine silberglänzende Espressomaschine und gusseiserne Terrassenbestuhlung. Zwei Faktoren, die neben einem der erträglichsten Zimmerpreise in ganz Nordsardinien schließlich den Ausschlag für eine Buchung geben. Gemäß Flashpacker-Regel “Zeige mir deine Terrassen- und Gartenmöbel und ich sage dir, ob ich bei dir wohnen will” lassen die Bilder hoffen, nicht auf Plastikstühlen sitzend Automatenkaffee trinken zu müssen.

Ja, man hätte genauso das Hotel Petra Segreta buchen können. Ein liebreizendes Hotel, das einem aus jeder Buchungsseite, die den Norden Sardiniens im Programm hat, entgegen schreit. Man hätte jeden Tag den Shuttle-Service zum selben Strand fahren können, um seinen Körper so lange zu grillen, bis das Abendessen mit ähnlichen Zubereitungsarten ruft. Hätte man. Mein Flashpackerherz ließ sich allerdings nicht auf den offensichtlichen Komfort aus der Konserve ein. Meine Vorliebe für erlesene B&B’s kam bereits an der Algarve, am Gardasee und in Umbrien zu Tage und wurde nun mit Sardinien vertieft. Bei der Wahl des noch nicht etablierten Locanda Murales galt es vorerst, auf Bewertungen und Meinungen anderer Gäste zu verzichten. Erst seit einem Jahr hat das B&B mit seinen hübsch auf dem Grundstück arrangierten Cottage-Häuschen, in denen je 2-4 Personen Platz finden, geöffnet. Wer hier urlaubt? Vorwiegend Italiener. Eine wenig verwunderliche Tatsache. Italienisch ist auch die einzige Sprache, die der sympathische Hausherr beherrscht. Was der Verständigung keinen Abbruch tut. Ein Handschlag und ein Lächeln zur Begrüßung sind gastfreundliche Gesten, die man zum Glück auch ohne Wörterbuch versteht. Keine Formalitäten, kein Reisepass, der hinterlegt werden muss. Aber auch keine Information, welche sehenswerten Dinge der Umgebung man keinesfalls verpassen sollte.

Hier ist der Gast Individuum. Jemand, der selbst weiß, was er tun möchte oder eben nicht. Und wenn er es nicht weiß, hat er in den kommenden Tagen Gelegenheit, das auf eigene Faust herauszufinden.

Sofort fühlt man sich wohl im zugewiesenen Häuschen. Das Terrakottarot auf den Wänden ist so schrill wie auf den Fotos. Was soll’s. Auch Klimaanlage, Flachbildschirm und Rainforestdusche halten, was die Bilder versprochen haben. Selbst ein drittes und viertes Kissen lässt sich im Schrank aufspüren, hurra! Der schattige Patio vor dem Haus lässt auch das ungestörte Ausrollen der Yogamatte zu. Ich bin entzückt!

Morgens watet man losgelöst von jeglichen Zeitzwängen zum Frühstück. Das Geräusch der Espressomaschine lässt Vorfreude aufkommen, die beim ersten Schluck von tadellosem Cappuccino in puren Genuß übergeht. Abstriche gilt es bei der festen Nahrung zu machen: Mit einem standesgemäßen Cornetto darf man zwar rechnen, auch mit frischen Früchten, Joghurt und selbstgemachter Marillenmarmelade. Statt Brot und Gebäck erwartet den Gast allerdings geschmackloser Zwieback. Ist da nicht vorher jemand mit frischen Weißbrotstangen an einem vorbeigehuscht? Ja, aber die waren für das Dinner im Ristorante bestimmt. Natürlich bekommt man ein paar Scheiben davon ab, aber Verständnis wird man dafür ebenso wenig ernten, wie für die Bestellung eines großen Biers zum Essen – abends an selber Stelle. Stimmt, da war doch was: Die Gastgeber sind passionierte Winzer! Über die Frage, welcher Wein zum Essen passt, muss man daher nicht lange nachgrübeln.

Wichtig ist nur, dass man Bereitschaft zeigt, Wein zu trinken. Der Hausherr nickt wissend und übernimmt die Auswahl. Ja, so stellt man sich Urlaub vor. Als würde man Tante Erna besuchen, die genau weiß, welchen Kuchen man am liebsten mag.

Ein Dinner im hauseigenen Restaurant sollte man, wenn auch es kein günstiges Unterfangen ist, unbedingt einplanen. Vegetarier ernten mehr Verständnis als eifrige Biertrinker und werden mit edlen Pastagerichten, Grillgemüse und Käseplatten verwöhnt. Ein Lob auch dem Olivenöl, eine wahre Kostbarkeit, abgefüllt in quaderförmigen Metallbüchsen der Marke Oleificio Corrias und auch als wohlschmeckendes- und riechendes Souvenir für zu Hause bestens geeignet (ja, es kann durchaus mit der Qualität meiner umbrischen Entdeckung mithalten!). Wer sich vom typisch sardischen, hauchdünnen Salzbrot ernähren möchte, tut das am besten auch im Locanda Murales, da es hier die größte Chance hat, in die Gourmetgeschichte einzugehen. Achja, und da wären auch noch die Kaktusfrüchte und die sündhaften “Seadas” zum Dessert – mit Honig übergossen. Honig scheint es auf Sardinien in ebenso unüberschaubar großen Mengen wie Schafskäse zu geben. Mit einem Wort: Verhungern wird man im Urlaub auf Sardinien wohl kaum.

Auch die Lage des Locanda Murales* ist nahezu perfekt. Sieht man vom allzu nah gelegenen Kreisverkehr und latentem Verkehrslärm einmal ab, ist das B&B der ideale Ausgangspunkt für Ausflüge gen Nord und Süd: Im Norden die berühmte Costa Smeralda und die unter Naturschutz stehende Insel Magdalena, im Süden das Städtchen Olbia mit seinem Hafen und den beschaulichen alten Gassen. Egal, in welche Richtung es einen auch ziehen mag, die unzähligen Strände und versteckten Buchten mit kristallkarem Wasser reihen sich wie Perlen entlang der kilometerlangen Küste.

Den Strand vom Vortag am nächsten Tag erneut ansteuern? Reinste Zeitverschwendung!

Es ist nicht nur nahezu unmöglich, dasselbe kleine Paradies in einem Labyrinth aus Sandwegen wiederzufinden, es gibt einfach zu viele schöne Ecken, die es wert sind, das Badetuch darauf auszubreiten. Klein oder groß, sandig oder felsig, einsam oder belebt, windstill oder mit sanfter Meeresbrise. Man wird alles finden. Und die größte Überraschung: Selbst im August ist es zu finden: Das perfekte Stück Strand, das einem (fast) alleine gehört.

B&B Locanca Murales >> Infos & buchen*

Costa Smeralda Sardinien

Weißer Strand Sardinien

Fähre Sardinien Isla Magdalena

Isla Magdalena Sardinien

FYT FLASHPACKING FACTS & TIPPS

  • FLUG: Salzburg-Olbia mit FlyNiki 160 Euro pro Person, gebucht über Tuifly.com; Flugzeit 1 Stunde 20 Minuten
  • MIETWAGEN: Auf Sardinien überlebensnotwenig! Da Mietwägen gerade im August ein rares Gut sein können, empfiehlt es sich, vorab zu buchen. Wenn Sixt, Hertz & Co ausgebucht sind, lässt Europcar hoffen. Mit einem Wochenpreis von 400 Euro für einen Fiat Panda allerdings kein echtes Schnäppchen.
  • ÜBERNACHTUNG: B&B Locanda Murales; 7 Nächte, 2 Personen im DZ, Hauptsaison, um 650 Euro
  • ENTFERNUNG: vom Flughafen/Stadt Olbia ca. 14 km

Extras, die man nicht erwarten würde…

  • Mangels geregelter Frühstückszeiten erscheint man nach Lust und Laune zum Frühstück, das auch um 11.00 Uhr noch anstandslos serviert wird. Ein Gläschen auf’s Haus oder ein sardisches Dessert zum Probieren gefällig? Man darf ungefragt mit kleinen Überraschungen aus der Küche rechnen.
  • Den Tag ganz langsam und entspannt im schattigen Patio beginnen, bevor der Strand ruft? Kein Problem, der Putztrupp kennt keinen Stress und rückt erst dann an, wenn man beschließt, sein Cottagehäuschen zu verlassen.

Dinge, die man vermissen könnte…

  • Absolute Ruhe, die nur vom Glocken-Geräusch einer Schafherde unterbrochen wird. Denn: Das Locanda Murales befindet sich zentral genug, dass man den Blick von der Frühstücksterrasse direkt auf den Kreisverkehr richten kann. Der Verkehrslärm hält sich zwar im Rahmen, aber ist gerade in der Hauptsaison nichts für empfindliche Ohren und ruhebedürftige Geister.
  • Bier vom Fass. Fast schon hat man das Gefühl, den Hausherrn zu beleidigen, wenn man Bier statt Wein bestellt. Serviert wird ein Designerbier um 8 Euro. Biergläser? Fehlanzeige.

FYT Must-See: 

  • Ein Ausflug auf die Insel Magdalena – eine Idee, auf die zwar jede Saison tausend andere Touristen kommen, allerdings lohnt sich das Von-der-Insel-auf-die-Insel-Gefühl. Nach nur 15-minütiger Fährfahrt ab Palao ist man auch schon am Ziel. Preis für 2 Personen hin und retour inklusive Auto: 56 Euro. Es mach Sinn, das Auto mitzunehmen, um sich auf der Insel individuell zu bewegen und die eine oder andere unberührte Ecke zu entdecken.

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12 Comments

  • Reply Andersreisender 1. Oktober 2012 at 22:26

    Den Bildern und dem Bericht nach zu urteilen hätte ich auch nichts gegen ein paar herrliche Tage in Sardinien. Das Häuschen und die Umgebung sehen bezaubernd aus. Da würde ich auch die Hauptsaison in Kauf nehmen. ;-)

  • Reply Jeanette 10. Oktober 2012 at 20:46

    Ja, ich bereue nichts und würde es auch jederzeit wieder tun! ;-)

  • Reply Samuel Jeffery 6. November 2012 at 08:13

    This looks like a gorgeous place to visit. I especially like your photos of the dock.

    • Reply Jeanette 18. November 2012 at 14:52

      thanks Samuel! yes, absolutely worth the trip!

  • Reply Reisen und die Kunst in der Ferne ein Stück Heimat zu entdecken 22. Dezember 2012 at 21:01

    […] wenn die Zeit knapp wird, dann tut’s auch ein Wochenende an der oberen Adria. Dann Sardinien. Und das eigentlich nur, weil der Flug so grandios billig war. Doch wer bereut schon, bei 35 Grad […]

  • Reply Bernadette Mayer 16. Januar 2013 at 07:20

    Herzlichen Glückwunsch zum geglückten Experiment! Sowohl der Artikel als auch die gezeigten Fotos wecken in mir den Wunsch, selber dort gewesen zu sein. Leider hatte ich bis jetzt noch nie das Glück, Sardinien erleben zu dürfen. Besonders verliebt habe ich mich in dieses entzückende Strandfoto – das klare Wasser lädt richtiggehend dazu ein, mit dem ganzen Körper einzutauchen. Schmacht!

  • Reply Jeanette 23. Januar 2013 at 18:35

    Liebe Bernadette, ich kann Sardinien wärmstens empfehlen! Und das Wasser ist so klar, wie es aussieht – man möchte tatsächlich ewig darin plantschen! Hach, wenn jetzt nur Sommer wär…. ;-) Meersalz in der Wanne ist einfach nicht dasselbe!

  • Reply Melanie 12. Januar 2014 at 21:58

    Oh ein sehr schönes Reiseerlebnis, das wir hoffentlich in ähnlicher Art diesen Sommer erleben dürfen. Sind derzeit noch auf Unterkunftssuche, Flug ist schon gebucht :-) …

    • Reply Jeanette 13. Januar 2014 at 12:02

      Liebe Melanie, eine schöne Unterkunft findet sich bis dahin bestimmt. Auf Sardinien gibt es viele tolle B&B’s zu entdecken!

  • Reply Nora 21. April 2014 at 17:21

    Liebe Jeanette,

    Ich merke, du hast Erfahrung wenn du von Sardinien schreibst :)
    Wir sind gerade dabei zu buchen, leider können wir nur die Woche von 11.-18-August in Angriff nehmen. Ich wollte dich nur fragen, ob man zu Ferragosto trotzdem noch ein paar Plätzchen findet, die nicht völlig überfüllt sind? Wir sind auch mit Auto unterwegs und daher flexibel und auch nicht so empfindlich, aber wenn die Strände und Buchten übergehen, ist das doch was anderes.
    Wir werden auch die Locanda Murales in Erwägung ziehen :)

    Vielen Dank schon mal für deine Antwort,
    LG Nora

    • Reply Jeanette 21. April 2014 at 18:42

      Hallo liebe Nora,

      ja, es gibt sie, die freien Plätzchen, auch im August! Es gibt sprichwörtlich so viele Buchten wie “Sand am Meer” und da manche ein bisschen versteckter liegen, und erst gefunden werden wollen, liegt es selbst zu Ferragosto nicht so fern, ein Stück Strand zu entdecken, das man für sich ganz alleine hat. Auf jeden Fall solltet ihr euch mit einem guten Schirm ausstatten, den man in den Sand stecken kann. Damit ist man gegen die große Hitze gewappnet und hat den Vorteil, sich schon einen Platz zu sichern. Viele Italiener (und die machen ja im August einen Großteil der Sardinien-Urlauber aus) tauchen nicht vor 15.00 oder 16.00 Uhr am Strand auf ;-)

  • Reply Wohin wollen wir noch reisen? 10 Jahre Follow Your Trolley. Bloggen wie damals 18. Juni 2018 at 20:28

    […] lege. Der breiten Masse ist das egal. Google auch. Auch mein Post mit dem trivialen Titel “Sardinien im August” war ein zufälliger Glückstreffer. Google hat sich förmlich in diesen Post verliebt. In […]

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