Alonissos, Griechenland: Das betörende Nichts einer Insel

28. Oktober 2016
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Die Sporadeninsel Alonissos ist ein seltsamer Ort. Es gibt nicht viel zu sehen und nicht viel zu tun. Wer hier landet, muss bereit sein, der Ruhe und der Stille ins Auge zu blicken.

Lifestyle- und Reiseblogs beschäftigen sich ja ganz gerne mit den tollkühnsten Insider- und Geheimtipps. Auch ich nehme mich da nicht aus. Ein chices Hotel, das man gesehen haben muss! Ein hippes Café, das den besten glutenfreien Kuchen serviert! Ein ach so gemütliches Yogastudio in diesem angesagten Stadtviertel!  Damit wir das von vornherein klären: Nichts dergleichen wird in diesem Post über Alonissos auftauchen. Denn genau dieses NICHTS ist der große Trumpf der Sporadeninsel irgendwo im tiefblauen Ionischen Meer. Kein Flughafen, um Himmels willen. Man fliegt bestenfalls nach Skiathos und kommt von dort mit der Fähre, meist mit einem Zwischenstopp in Skopelos.

Wer es bis nach Alonissos schafft, meint es ernst. Kein Mensch kommt hier nur zufällig vorbei.

Dass hier nichts gegen, aber auch kaum etwas für Touristen unternommen wird, spürt man schon, als unsere Fähre im Hafen einfährt. Keine Menschenschlangen, keine wartenden Taxis, kein gar nichts. Keinen interessiert’s. Ich bin begeistert, denn genau dieses unaufgeregte Flair hatte ich mir erhofft. Ich habe vorab ein bisschen recherchiert. Ein bisschen. Ich vermeide es ja tunlichst, mich zu intensiv über neue Destinationen zu informieren. Mir genügen ein paar grobe Eckdaten, aber ansonsten möchte ich mir den Ersteindruck vermutlich nicht durch fremde Meinungen verderben lassen.

Mein erster Eindruck von Skopelos Stadt – der anderen Sporadeninsel –  war der: Hier legt man sich weit mehr ins Zeug, um Besuchern zu gefallen. Die niedrig in den Hang gebauten weißen Häuschen reihen sich wie auf einer Tribüne gefällig aneinander. So, dass der leicht chaotische Baustil am Ende doch wieder einer fotogenen Ordnung folgt. In Alonissos hat man damit nicht viel am Hut. Pffff…hört man den Hafenort förmlich schnaufen, der vor 30 Jahren vermutlich schon genauso ausgesehen hat. Die Cafés und Restaurants an der Promenade verzichten auf das „cool“ und „hip“. Sie erfüllen einfach ihren Zweck. Hinsetzen, dann und wann am Kaffee, Bier oder Ouzo nippen und stundenlang durch die Gegend starren. Denn man hat Zeit auf der Insel. Alle Zeit der Welt. Touristen, die ihre Urlaubshektik von anderen Inseln versehentlich mitgebracht haben, werden nicht mal belächelt.

Man muss gar nicht mal lange auf der Insel verweilen, um von diesem selten guten Gefühl übermannt zu werden, nichts, wirklich gar nichts zu verpassen.

Egal, was man tut oder unternimmt, man könnte es auch genauso gut bleiben lassen. Manchmal wirft sich Alonissos dennoch in Schale. Mit purem Understatement offeriert die Insel dann ein paar Dinge, mit welchen man sich beschäftigen könnte: Mönchsrobben und Delfine beobachen, Tauchgänge machen, Höhlen und einsame Strände erkunden. Kurz nachdem wir feststellen, dass Alonissos‘ Strände allesamt die Einsamkeit zelebrieren, wundern wir uns auch schon nicht mehr darüber. Man gewöhnt sich schnell daran, im Alleingang über wild-romantischen Kies zu schlendern und sich vom Wind die nicht vorhandene Frisur zerstören zu lassen. 

Man sollte übrigens nicht der Strände wegen nach Alonissos kommen! Will man sich an der facettenreichen Schönheit griechischer Sand- und Kiesstrände erfreuen, kann man auch gleich in Skopelos bleiben. Manche so schön, dass sie durch den Film Mama Mia mit Meryl Streep und Pierce Brosnan sogar berühmt geworden sind.

Alonissos tut sich diesen Rummel gar nicht an. John Travolta und Robert de Niro sollen hier gewesen sein. So what?

So einsam wie am Strand sind wir auch auf der Straße. Wir sind mit dem Motorroller unterwegs, um zu erkunden, was es sonst noch zu sehen gibt. Zum Beispiel die Chora, die antike Stadt, die so antik gar nicht ist. Mit zwei Euro trinken wir den teuersten Greek Coffee auf unserer gesamten Sporadenreise. Der sagenhafte Ausblick über das Ionische Meer ist eben nicht umsonst. Das Dorf ist entzückend. Mindestens so entzückend wie Spello in Umbrien. So perfekt verträumt und arrangiert, dass es für den kritischen Betrachter schnell an Glanz und Authentizität verlieren könnte. Ein Engländer verkauft Antiquitäten, deutsche Stimmen vor dem Schuckladen. Ein Café auf dem Hauptplatz, das für meinen Geschmack etwas zu viel Healthy-Living-Laune verbreiten möchte.

Hey, Alonissos, bemüh‘ dich nicht, du bist ungeschminkt ja doch viel sympathischer!

Ja, auch die naturverbundenen Aussteiger haben sich hier nach und nach gemütlich eingerichtet. Sie sind hier hängengeblieben, wie manch anderer vielleicht in Ibiza. Sogar ein Yoga- und Massagestudio wird man auf der abgelegenen Sporadeninsel finden. Und eine international angesehene Akademie für Homoöpathie. Interessante Aspekte, die nicht unbedingt den Mainstream ansprechen. Das hat Alonissos auch gar nicht vor. Vielmehr hält man sich die Attitüde offen: Nett, dass ihr vorbeischaut, aber bleibt bitte nicht zu lange!

Ich war nicht lange da. Nicht lange genug, um der Stille gegenüber misstrauisch zu werden. Statt der geplanten vier Nächte waren es nur drei im Alonissos Beach Bungalows & Suites Hotel. Weil die Montagsfähre im September bereits eingestellt wurde. Ja, schon klar, die Insel möchte wieder ihre Ruhe.

Man kann sich gut vorstellen, dass hier immer dann heimlich ein fröhliches Fest gefeiert wird,  wenn der letzte Tourist das 20 Kilometer lange und 4,5 Kilometer breite Nichts wieder verlassen hat. 

Ach ja, ich habe ein Souvenir von Alonissos mitgebracht. Stimmt genau, NICHTS! Und dann doch wieder sehr viel. Ruhe. Stille. Ein anderes Gefühl für Zeit. Ich bin mir sicher, dass sich selbst in der Kürze meiner Anwesenheit mein Puls verlangsamt hat. Und mein Blick auf die Welt ein anderer geworden ist. Gut zu wissen, dass es solche Orte noch gibt. Die sich nicht bemühen und nicht verdrehen. Die einfach so sind wie sie sind.

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4 Comments

  • Reply Tanja 28. Oktober 2016 at 17:34

    Hy Jeanette!
    Danke für den angenehmen Bericht über das kleine Stück Entschleunigung! Ich wollte ja eigentlich nächstes Jahr nach Zakynthos, aber diese angenehme Stille, von der du sprichst, hat mich grad ein bisschen mit der Insel liebäugeln lassen.

    Lg, Tanja von http://www.blattgruen.me

    • Reply Jeanette 28. Oktober 2016 at 18:31

      Ja, liebe Tanja, wenn dir Ruhe wichtig ist, dann ist Alonissos bestimmt eine sehr gute Wahl! Auch Skopelos kann ich sehr empfehlen. Einfach eine Insel wählen, die keinen eigenen Flughafen hat – und es ist schon mal ein Gewinn! :)

  • Reply Gabi 30. Oktober 2016 at 10:53

    Hi Jeanette!
    Deine Bilder sind klasse geworden! Alonissos war mir bisher unbekannt, aber es sieht dort so schön ruhig aus, als könnte man super entspannen. Werde ich mir als Reiseziel auf jeden Fall merken. Vielen Dank!
    Liebe Grüße, Gabi

    • Reply Jeanette 7. Dezember 2016 at 21:23

      Oh ja, bestimmt einer der besten Plätze zum Entspannen unter der griechischen Sonne! Unbedingt merken! Liebe Grüße, Jeanette

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